Meisterschaft und der Weg dort hin

Meisterschaft ist ein Prozess, eine Praxis, kein Zustand. Und Talent stellt wirklich keine Voraussetzung dafür dar. Versprochen. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit dem Weg hin zur Meisterschaft und wie ihr diesen am besten gestalten könnt. Denn der Weg zur Meisterschaft ist kaum mehr als das. Es ist der Weg. (Zum Thema Talent findet ihr näheres hier.)

Das linke Bild ist 2013 entstanden und vermutlich eines meiner ersten digitalen Arbeiten. Das rechte Bild ist im Herbst 2020 entstanden.

Wohin soll die Reise gehen?

Vor kurzem habe ich einen Vortrag von dem Autor Robert Greene gesehen. Dort spricht er über sein Buch „Mastery“ (zu Deutsch: „Meisterschaft“ – die deutsche Übersetzung des Buches liest sich „Perfekt„) und wie diese erreicht wird. 

Im Kern geht es darum Wissen, Erfahrung und Kreativität zu bündeln und zu bewahren. In diesem kurzen Beitrag möchte ich euch also einen kleinen Einblick geben. Wie der Begriff Meisterschaft schon andeutet, kann es auf alles angewendet werden, nicht nur bildende Kunst.  

Im folgenden werden deshalb die drei Kernelemente aufgeschlüsselt und welche Rolle sie für die jeweils anderen Aspekte spielen. 

Inhalt

  1. Der Weg ist der Weg und das Ziel
  2. Kreativität
  3. Erfahrung
  4. Meisterschaft

1. Der Weg ist der Weg und das Ziel

Was für ein Truismus, denkt ihr euch sicherlich. Zurecht, denn so platt sich diese Phrase anhört, sie kann nicht stark genug betont werden. Oftmals, und das ist eine der Thesen, sind wir viel zu sehr auf das Endprodukt fokussiert. Wir wollen ein bestimmtes Bild gemalt haben (und ja, der Fokus liegt auf „gemalt haben“) oder eine bestimmte Zeichnung, ein bestimmtes Ziel erreicht haben. 

 

Das ist nur verständlich, denn unsere Kultur ist sehr auf Produkte fokussiert. Es zählen Resultate. Wie man dort hingekommen ist, ist bestenfalls zweitrangig und nur für die interessant, die es nicht geschafft haben. 

 

Das Problem ist, dass uns dieser Ansatz oft genug daran hindert überhaupt anzufangen. Wie ihr dem entgegenwirken könnt haben wir in verschiedenen Beiträgen schon behandelt. Falls es euch schwer fällt, Ideen zu finden, schaut gerne hier vorbei und für einen leichteren Einstieg generell, guckt mal hier vorbei!

 

Zurück zur Problematik mit den Resultaten. Ihr kennt es sicherlich auch. Manchmal habe ich ein konkretes Ziel vor Augen. Ich scroll durch Instagram oder Buchhandlungen, Galerien und stoße auf interessante Künstler. Wenn mich ein Künstler von der Bildsprache wirklich anspricht, bekomme ich sofort Lust, bestimmte Elemente in meine Bilder zu integrieren. Ich habe Lust ein Bild zu machen wie Künstler X. Das gute an diesem Ansatz ist, dass das Ziel formuliert ist, der Weg dort hin aber noch offen. 

 

Jetzt kann ich, wenn ich möchte das Bild analysieren, ich kann mir das Bild genauer anschauen und mich fragen: Was fesselt mich so sehr an dem Bild? Wie kann ich das auf meine Themen anwenden (wenn es rein technische Faszination ist) oder wie kann ich auf ähnliche Weise eine Geschichte mit meinen Bildern erzählen?  

 

Digitale Zeichnung, 2020

Um noch einmal auf das Bild vom Anfang zurück zu kommen, stelle ich euch hier eine (digitale) Zeichnung aus dem letzten Jahr vor. Die Bilder Emilio Villalbas sind und bleiben für mich eine unendliche Quelle der Inspiration. Die Art und Weise, wie er Gegenstände zu einer Erzählung kombiniert, soll hier als Parade-Beispiel von Meisterschaft herangezogen werden.

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THE AFTERPARTY, Emilio Villalba, 2018, Öl auf Holz, 40,64 x 50,8 cm, © Modern Eden Gallery

2. Kreativität

Wir machen einen kleinen Sprung. Bleiben aber bei Emilio Villalba. Wie man unschwer erkennen kann, ist mein Bild unglaublich stark von seiner Arbeitsweise beeinflusst. Es ist aber dennoch keine Studie oder Kopie, sondern ich habe versucht, den Bildaufbau auf meine Bilder zu übertragen. Die Fragmentierung des Bildes, die Anordnung der einzelnen Elemente sowie das Einblocken von Farbflächen (hier eher schwer zu erkennen), waren meine hauptsächliche Inspiration. 

Indem ich mich auf diese wenigen Sachen fokussiert hatte und mein Ziel nicht als ein einziges Bild definiert habe, hatte ich die Freiheit eine ganze Reihe von Bildlösungen zu testen. 

Hier ein anderer Versuch. Ihr seht, der Stil ist ähnlich. Dennoch würde man meine Bilder nicht mit denen von Emilio Villalba verwechseln – und das ist der Punkt – an dem wir auf den Aspekt der Kreativität zu sprechen kommen. 

 

Einer der Punkte die Robert Greene aber auch Sinix in seinen Vorträgen hervorheben ist, dass Kreativität nie aus dem Nichts entsteht, sondern immer auf Bestehendes zurückgreifen muss! (Wer mir nicht glaubt, kann sich gerne mal an einem Selbstbildnis versuchen ohne in den Spiegel zu schauen..)

Der Kern liegt darin, Assoziationen und Verknüpfungen herzustellen, wie das in den Bildern hier, sehr plakativ geschieht. Man springt von einem Element zum nächsten und erstellt quasi eine Karte – eine Art gemalte, nonverbale Mind-Map eines Gefühls oder Themas (vielleicht könnte man dazu noch einen Beitrag verfassen..). 

 

3. Erfahrung

Auf dem Weg zur Meisterschaft ist Erfahrung unerlässlich. Für uns Kreative gilt deshalb, Erfahrungen zu sammeln und im Bereich der darstellenden Künste ist das Stichwort „Visual Library“ (zu Deutsch: Visuelle oder bildliche Bibliotheken) ein zentraler Aspekt. Unsere „Visual Library“ besteht aus unserem Bilderwissen.

 

Wenn wir ein Glas zeichnen wollen oder sollen, kommen uns sofort die Gläser in den Sinn, die wir aus unserem Alltag kennen, vielleicht auch charakteristische, spezielle Gläser aus Werbung oder Restaurants. Wie auch immer, wir wissen wie ein ganz normales Trinkglas aussieht und könnten eines ohne auf Referenzen ausweichen zu müssen, ein glaubhaftes Glas zeichnen.

 

Um dem Begriff aber etwas mehr Kontext zu verleihen, verweise ich noch einmal auf das Beispiel mit dem Selbstporträt. Unser Bildwissen wird konkreter und genauer, wenn wir bestimmte Dinge studieren. Das heißt, wenn wir uns vornehmen bestimmte Gegenstände genau zu zeichnen, dann setzen wir uns mit ihnen detaillierter auseinander.

 

Wir fertigen einen genauen (oder genaueren) Plan eines Glases in unserem Kopf an und können in Zukunft auf dieses Wissen zurückgreifen (deshalb, macht viele, sehr sehr viele Studien von allem was euch interessiert! Künstler, Gegenstände, Personen, Natur, Stilleben, alles! Wenn es euch schwer fällt, guckt euch den Beitrag zum „Ugly Sketchbook“ an.)

 

Indem ihr also viele Skizzen und Studien anfertigt, euch angeleitete Experimente setzt (z.B. sieben Bilder im Stil eines bestimmten Künstlers, oder die 100 Heads Challenge), erhöht ihr nicht nur euren Output, sondern werdet über die Erfahrung auch immer besser in dem, was ihr macht. Nicht jede Zeichnung wird gut, aber ihr bleibt am Ball und sammelt Erfahrung

 

 

4. Meisterschaft

Finale. Ihr habt 10.000 Stunden gezeichnet, vielleicht sogar 20.000 Stunden. Ihr habt Skizzenbücher mit Studien gefüllt, ihr habt eure Vorbilder, Konkurrenz und Umwelt genau beobachtet. Eure „Visual Library“ sucht ihres gleichen. Was nun?

 

Was häufig passiert und die Erfahrenen von den Großartigen, von den „Genies“ unterscheidet ist der Umgang mit dem gesammelten Wissen. Um wirklich bemerkenswertes zu schaffen, müssen wir folgendes trotz aller Erfahrung bewahren: Unsere Kreativität. Das klingt zunächst seltsam, streben wir doch danach genau das zu sein.

 

Das Problem ist, dass wir mit jeder weiteren Erfahrung immer weniger flexibel werden in unserem denken. Je mehr wir wissen und zu wissen glauben, desto schwieriger wird es für uns über den Tellerrand zu schauen. Das Gehirn sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes und das führt dazu, dass wir schnell die ersten Lösungen annehmen, die uns unser Gehirn vorschlägt. Nennen wir diese Lösungen A, B und C. Das sind die Lösungen zu denen vermutlich die meisten gelangen, wenn sie dasselbe Problem mit denselben Erfahrungen angehen. Innerhalb dessen, was wir gelernt haben, scheinen diese Lösungen auch zu funktionieren, doch haben diese den Nachteil wenig innovativ zu sein, noch uns wirklich voran zu bringen. Denn wir denken in den Mustern, die wir zuvor erlernt haben. Plastischer wird dieser Gedanke, wenn wir uns mathematische oder technische Probleme vorstellen. Man lernt eine Methode und löst Problem 1 mit Schema 1. Fertig. 

 

Manchmal sind die Probleme aber so komplex, dass die bekannten Lösungsschemata nicht unbedingt zu einer idealen Lösung führen, was wir dann brauchen ist unsere Kreativität. Kreativität wollen wir in diesem Zusammenhang als die Fähigkeit verstehen, die verschiedensten (und ja, superlativ!) miteinander zu verknüpfen ohne unseren Filter des Wissens, der bekannten Schemata anzuwenden. (Guckt euch für mehr Details gerne den Vortrag von Robert Greene an!)

 

Das Ziel ist es, über die Jahre (hoffentlich) so viel Wissen anzueignen, aus so vielen verschiedenen Bereichen wie möglich, um flexibel zu bleiben, wenn es darum geht Lösungsschemata zu finden. Idealerweise entwickelt man die Fähigkeit über seinem Wissen schweben zu können, um dann Dinge miteinander in Verbindung zu bringen, die aus dem eigenen Fachbereich, aus dem intuitiven Denken herausfallen. 

 

Ein kurze Illustration wage ich an dieser Stelle doch.

Henry Ford, der Erfinder des Fließbands, stand vor so einem Problem. Die Auto-Produktion war extrem lukrativ und umkämpft. Die Autoproduktion dauert jedoch viel zu lange. Die Arbeitenden huschten von Auto zu Auto und es gab scheinbar kein Problem diesen Prozess zu beschleunigen. 

 

Henry Ford überlegte, wie man dieses Problem lösen kann. Wie können die Arbeitenden schneller an die Autos ran, um dort an ihnen zu arbeiten?

 

Mit einer – für uns heute trivialen – damals aber innovativen Frage fing alles an. 

Was ist, wenn sich nicht die Arbeitenden bewegen, sondern die Autos?

Diese Idee und die Lösung dieses Problems führten zur Entwicklung des Fließbands und revolutionierten so die industrielle Fertigung.

 

Damit wären wir am Ende dieses Beitrags angekommen und ich hoffe ihr konntet so einiges mitnehmen. Zusammenfassend kommt es also darauf an, viel zu lernen, viel zu üben und vor allem aus vielen verschiedenen Bereichen zu üben. Für die Kunst kann das Bedeuten, sich aus Literatur, Theater, Film, Skulptur, Zeichnung, Comic, Tanz und vielem mehr die Dinge herauszusammeln, die einen interessieren. Bleibt offen und flexibel und probiert so viel aus wie ihr könnt. Kombiniert die wildesten Sachen und behaltet bei, was euch gefällt. 

So werdet ihr nicht nur Meister eures Faches, sondern entwickelt auf ganz natürliche Weise nebenbei euren Stil

Ich wünsche euch viel Spaß, beim Anwenden!

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