Reflexion durch Kreation – Finde zu deinem innersten Selbst

Inhalt

  • Einleitung
  • Selbstreflexion als treibende Kraft
  • Exkurs in die Kunstgeschichte: Selbstporträts und Selbstbetrachtung
  • Methoden
  • Inspiration
Jean-Auguste-Dominique Ingres Selbstbildnis von 1804. In Öl auf Leinwand gemalt, zeigt sich der Künstler vor der Leinwand. Interessanterweise deutlich jünger als er zum Zeitpunkt des Entstehen des Selbstbildnisses ist. Zu sehen ist ein junger Mann mit dunklem Haar in dreiviertel Ansicht. Seine Hände deuten auf sich und seine Leinwand, von der wir nur einen Teil sehen können. Was sagt uns diese Figur? Wie kann man das Bild im Hinblick auf Selbstreflexion verstehen?
Jean-Auguste-Dominique Ingres, Selbstbildnis, 1804, Öl auf Leinwand. Quelle: Wikipedia

Einleitung

Selbstreflexion oder Reflexion durch Kunst hört sich zunächst sicher befremdlich an. Die meisten von uns – mich eingeschlossen – zeichnen überwiegend aus reinem Vergnügen, um abzuschalten, oder weil uns eine Idee nicht mehr loslässt. 

Und genau da wird es interessant, doch bevor wir uns diesem Komplex widmen eine Frage vorweg: Wer musste in der Schule Gedichte und Bilder interpretieren? Vermutlich die meisten von uns – und ich weiß nicht wie es euch erging, aber für mich war das immer ein Buch mit sieben Siegeln. 

Seit ich jedoch Kunstgeschichte und Philosophie studiere und mich auch in meiner Freizeit eingehender mit Kunst beschäftige, ist mir eines klar geworden. Kunst, insbesondere die, die wir konsumieren und vorgesetzt bekommen hat in den aller meisten Fällen eine Intention. Diese kann bewusst oder unbewusst sein, denn wenn wir jede künstlerische Arbeit als ein Kommunikationsakt verstehen, dann können wir immer mit diesem Werk in einen Dialog treten. 

Interessant ist für uns das zunächst Unbewusste. Denn dies beeinflusst unsere Entscheidungen in den meisten Fällen, auch in der Kunstproduktion. Unser Selbst, dass was Freud als „Ich“ betitel möchte auch gehört und gesehen werden und bahnt sich oft darüber seinen Weg.

Wenn wir also mit gleicher kritischer Schärfe an unsere Arbeiten herangehen können wir eine Menge über uns selbst lernen. Insbesondere, wenn wir uns mehrere Arbeiten von uns über einen bestimmten Zeitraum rückblickend ansehen. Steigen wir also in das Abenteuer „Selbst“ und „Selbstreflexion“ ein und lernen uns besser kennen! Unsere Wünsche, Sehnsüchte und was uns antreibt. Denn die Kunst erzählt uns mehr, wenn wir ihr nur Gehör schenken!

Selbstreflexion als treibende Kraft der Kunst

Beginnen wir mit einem kleinen Exkurs in die Kunstgeschichte. Als ich anfing in Hamburg Kunstgeschichte zu studieren, wurde als eines der Einführungsseminare ein Seminar mit dem Titel „Selbstbildnisse“ angeboten. Und ich schrieb mich direkt ein.

 

Die ersten Fragen, die mir in den Kopf kamen, kann ich heute nicht mehr erinnern, doch sie gingen etwa in die Richtung: Warum fertigt jemand überhaupt ein Selbstporträt an? 

Klar, ein Selbstporträt ist nicht immer gleich ein Selbstporträt. Es gibt verschiedene Absichten, Auftraggeber und Darstellungsmodi, doch allen ist gemein, dass sie eine Auseinandersetzung mit dem Selbst fordern. Vom Künstler und für uns als Kunsthistoriker. Denn hier wird der Aspekt der künstlerischen Selbstreflexion extrem verdichtet. 

Exkurs in die Kunstgeschichte -Selbstporträts und Selbstbetrachtung

Dürer malt sich selbst in Öl auf Holz in Anlehnung an die gängigen Darstellungen als Christus. Ein junger Mann von 30 Jahren mit langen, lockigen Haaren schaut uns frontal entgegen und greift sich mit seiner rechten Hand in den Pelz. Eine Überhöhung seiner selbst?
Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, Öl auf Holz. Quelle: Wikipedia

Die beiden hier gezeigten Selbstbildnisse haben neben ihrer offensichtlichen Ähnlichkeit mit dem Künstler noch eine weitere. Beide verweisen in den Bildern mit ihren Händen auf sich selbst. Jean-Auguste-Dominique Ingres, eher subtil mit seiner halb verdeckten Hand und Albrecht Dürer greift sich demonstrativ in den Pelzrock. 

 

Und sie teilen noch eine weitere Gemeinsamkeit. Sie sahen zum Zeitpunkt der Entstehung der Werke nicht so aus, wie wir sie heute auf den Gemälden sehen können. Allein dieser Umstand zwingt uns zu weiterem nachdenken und die so häufig gestellte und verachtete Frage findet ihr ihre Anwendung: Was will uns der Künstler damit sagen? Nun, aus der Position aus Kunstgeschichtlers würde ich mit geübter Distanz fragen: Was will uns das Kunstwerk sagen? (Der Künstler kann uns nämlich nichts mehr sagen..)

 

Warum haben sich die Künstler so dargestellt, wie wir es in den Werken sehen können und wie kommen wir hier zur Reflexion?

 

Beide waren Meister ihres Faches. Das bestätigt sich allein darin, dass wir noch heute ihre Bilder bewundern und zu schätzen wissen. Beide wussten aber auch schon zu Lebzeiten, dass sie herausragende Künstler waren und haben uns mit ihren Selbstbildnissen ein Manifest ihres (vermeintlichen) Genies hinterlassen. 

Sie verweisen auf sich in verschiedenen Rollen. Ingres als Künstler vor einer Staffelei. Mit seinen Händen zeigt er auf sein Herz und die Leinwand und stellt so eine Verbindung her zwischen Künstler und Kunst. Um es sträflich zu verkürzen, können wir sagen, dass sich Ingres hier als Künstler inszeniert und uns dafür nichts anderes zeigen muss, als das Selbstporträt. 

Das Licht fällt auf seinen Kopf, was in der Kunstgeschichte oftmals ein Hinweis auf ein geniales Selbstverständnis ist. Die Hände und die Kreide in der Hand verweisen darauf, dass die Idee das höchste Gut der Kunst ist. Die Umsetzung ist nur noch reines Handwerk. 

 

Ähnliches finden wir auch im Bild Dürers. Am auffälligsten ist seine Jesus-nahe Darstellung, die man auch ohne viele Jesus-Bildnisse zu kennen direkt damit verbindet. Der streng frontale Aufbau und die langen, lockigen Haare entsprechen weder der echten Frisur Dürers, noch sind sie zufällig gewählt. Auch hier, um es abzukürzen: Dürer sah sich und sein Schaffen auf einer höheren Ebene als bloßes Handwerk. (Dazu muss man wissen, dass die Malerei im 16. Jahrhundert noch in der Zunft der Handwerker oder Apotheker untergebracht war und keines Falls als Kunst verstanden wurde.)

 

Was wir aus beiden Bildern herausziehen können ist, dass beide Künstler die Wichtigkeit ihrer Persönlichkeit in der Kunstwelt und die Tragweite ihres Schaffens bewusst war. Sie wussten genau, was sie konnten, was sie wollten und wofür ihre Zeitgenossen sie bewunderten (oder verachteten). Aus diesem Wissen heraus, aus der Beschäftigung mit sich selbst entstanden diese Bilder. Im Falle Dürers ist nicht einmal ein Auftraggeber bekannt, sodass dieses Bild höchstwahrscheinlich ein rein persönliches Projekt war – zu dieser Zeit ebenso selten.

 

Im Falle Ingres‘ wurde das Bild für eine große Retrospektive gemalt. Anders als auf dem Bild zu sehen war Ingres bereits 50 Jahre alt, als er sich selbst im Alter von 24 malte. Er hat sich nicht nur jünger gemalt als er tatsächlich war, sondern das Bild auch weit vor der Entstehungszeit datiert. 

Solch eine Entscheidung kann ebenfalls nur getroffen werden, wenn man eine bestimmte Intention erfolgt. Sich selbst fast halb so alt zu malen, wie man tatsächlich ist, erfordert nicht nur Raffinesse und künstlerische Meisterschaft, sondern eben auch ein bewusstwerden seiner selbst.

Wie an diesen beiden kleinen Anekdoten deutlich wird, sind Selbstporträts natürlich der Wink mit dem Zaunpfahl, wenn es um die Selbstreflexion durch Kunst geht.

Doch in viel kleineren Entscheidungen, ob bewusst oder unbewusst, können wir über uns selbst eine Menge lernen, wenn wir den Mut haben unsere Kunstwerke mit den Augen eines anderen zu betrachten. Wie ihr daran geht, klären wir im nächsten Kapitel.

Methoden

(Fortsetzung folgt..)

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